XPLORE BERLIN 2017

All pics by Shantel Liao / www.shantelliao.com

Körper/Öffnungen (xplore Bericht / Berlin 2017)

Von Sebastian Dieterich

Gibt es diesen Ort wirklich? War das alles real? Im Moment fühle ich mich, als hätten sich die Umrisse und Grenzen meiner Welt mit einem Schlag (bzw. all den Schlägen) um ein Vielfaches erweitert. Ich stehe auf einem grossen, offenen Feld, der Horizont liegt weit in der Ferne und ich lerne erneut gehen und sehen, fühlen, riechen und schmecken, neugierig wie ein Kind, nur viel bewusster. Ich bin begeistert und berührt von den Möglichkeiten, die dieser Raum öffnet, von dem Mut, der Verletzbarkeit, der Offenheit, der spielerischen Freude, der schamfreien Neugier und der klaren Kommunikation all der Menschen, denen ich in so kurzer Zeit so intim begegnen durfte. So ging es mir vor einem Jahr als ich zum ersten Mal auf der xplore war. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch wenig Ahnung von BDSM und dem sex positive movement und kaum ein Umfeld, das in dieser Hinsicht experimentierfreudig gewesen wäre. Die erste xplore war daher eine existentielle Öffnung, ein echtes Ereignis für mich.

 

Die grosse Kunst der xplore besteht darin, im emphatischen Sinn einen Raum und Bedingungen dafür zu schaffen, dass etwas passieren kann, was sonst in unserem Alltag kaum möglich ist. Nach nur wenigen Stunden verändert sich etwas in meinem Körper und ganz offensichtlich auch in den Körpern um mich herum. Einschränkungen und Blockaden fangen an sich zu lösen, die Normalität weicht einer anderen, viel flüssigeren, an einen luziden Traum erinnernden Normalität, in der ganz andere Regeln herrschen. Auf einmal kann ich in ein wildes Labyrinth eines von Monstern und Dämonen bewohnten Dschungels eintauchen, zu einer wilden, schwarzen Katze werden und von dem ansteckenden Rausch entfesselter Fantasie davongetragen werden. Ich kann erleben, wie meine Geschlechteridentität aufbricht und einem Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten Raum macht, das schon immer in mir war und nun endlich einen Ort gefunden hat, sich auszuprobieren. Ich kann Teil eines mutigen Experiments werden und erleben, wie auch ich die Lust, richtig böse zu sein, in mir trage und wie viel Angst ich davor habe, mich dieser Seite von mir zu stellen. Ohne Scham kann ich mit anderen über meine intimsten Fantasien sprechen und diese im Spiel erforschen. Ich kann Teil einer Orgie werden, die zu den Schwingungen abstrakter Musik vibriert und selbst zum Instrument wird. Und auch beim zweitem Mal an der xplore bin ich erstaunt, wie wenig es dafür eigentlich braucht. Wie schnell wir unter den richtigen Bedingungen in der Lage sind, eingeübte Verhaltensmuster und Ängste aufzugeben und Dinge zu erfahren, die für die meisten unvorstellbar oder unerreichbar erscheinen. Dabei hilft natürlich auch sehr, dass die meisten, die zur Xplore kommen, auch genau dies wollen bzw. erst einmal Ja sagen zu einem Experiment mit offenem Ausgang.

 

Ein ganz wichtiges Element der Kunst diesen (Übungs-, Erfahrungs-, Spiel- und Frei-) Raum zu schaffen, sind die ersten Workshops am Morgen. Mit Hilfe verschiedener Übungen aus Theater, Yoga, Meditation, Tantra usw. holen sie die Teilnehmenden in ihre Körper, öffnen dessen Poren, schaffen Präsenz durch Atmung und Bewegung und ein Bewusstsein dafür, wie Energien in Resonanz zu anderen Energien fliessen, was einen eher abstösst und wohin es einen gerade zieht, wenn man im Wechselspiel von Berührung und berührt werden der Intuition seines Körpers folgt und vertraut. In dieser Durchlässigkeit und energetischen Präsenz hatte ich dann meistens auch jene Begegnungen, die meine xplore-Erfahrung am Ende ausgemacht haben werden, Begegnungen, die eher durch eine geteilte energetische Frequenz entstanden sind, anstelle von Kriterien wie Geschlecht, Aussehen, Alter usw. Nach den Workshops am Morgen ging ich auch ganz anders in den Tag. In einem Umfeld, in dem ich ständig stimuliert werden kann und dem Ausleben sexueller Fantasien wenig Grenzen gesetzt sind, ist es schön zu erfahren, wie eng Sensibilität und Intensität verbunden sind. Je sensibler ich wurde, desto intensiver war mein Empfinden. Es brauchte dann gar nicht unbedingt den Hardcore-Sex, manchmal reichten ein Blick, eine Geste oder eine Vorahnung aus, mich in einen fast schon orgiastischen Zustand zu versetzen.

 

Sehr eng mit dieser Erkenntnis verbunden ist eine weitere Erkenntnis, die sich in meinen beiden xplore-Erfahrungen noch einmal ganz praktisch vertieft hat. Ob durch anregende Beschränkungen eines Workshops oder beim freien Spiel im silent space, nur ganz selten ging es für mich im klassischen Sinn um Sex, Penetration oder den Höhepunkt. Was ich im Spiel erforschen konnte, waren kleine Abweichungen von den gewohnten Routinen, andere Konstellationen oder Rollen, neue Sprachen und Spielarten der Sexualität, andere Wahrnehmungen und Aufteilungen des Sinnlichen. Die Lust, die ich z.B. empfand, als ich mich den Schlägen einer Peitsche hingab, wie mein ganzer Körper zuckte und zitterte und mein Geist nichts anderes mehr wahrnahm als diese starken Augenblicke. Wie sich mit jedem Schlag und jeder zärtlichen Berührung mein Körper weiter öffnete, wie sich mit jedem Eindringen die Grenzen zwischen Innen und Aussen verwischten, bis nur noch Vibrationen und Schwingungen übrigblieben. Die tiefe Freude, die ich empfand, als ich aktiv dienen und jemanden in eine Erfahrung begleiten durfte. Diese Intimität zwischen zwei Menschen, die noch nicht einmal ihren Namen kennen. Oder das überwältigende Gefühl, das Geschenk anderer zu empfangen, ganz mir selbst folgen zu dürfen, getragen von Seilen oder der Präsenz liebender Hände.

 

Und nicht nur das. Auch anderen beim Spielen zuzuschauen war ein absolutes Privileg. Ich konnte Zeuge einer Hingabe und Tiefe werden, einer Kreativität, Schönheit und Anmut, die in den Mainstream-Bildern der Porno- und Sexindustrie niemals zu finden sind. Ich durfte miterleben, wie Menschen ihren ganzen Mut zusammennehmen und sich ins Offene wagen. Wie sie mit alten Mustern und Festschreibungen brechen, sich befreien von festen Identitäten und loslassen. Wie schön war es z.B. mitzuerleben, wie du dir in Peter Banki’s Workshop zweimal hintereinander selbst die Augenbinde aufgesetzt, dich Mitten in den Raum gekniet und dich ganz bewusst dem „bösen“ Spiel anderer ausgesetzt hast. Deine absolute Hingabe an den Schmerz, an die Demütigung, an das Unvorhersehbare und den Kontrollverlust. Dies hat mich zutiefst berührt und daran erinnert, wie ich bei meiner ersten xplore von diesem wundervollen Mann gefesselt wurde. Wie sich seine Seile in einem langsamen Tanz um meinen Körper schlangen, wie mich die Worte, die er mir ins Ohr flüsterte, beruhigt haben, wie mein Körper zwischen Erregung und Geborgenheit zu vibrieren anfing und wie sich in diesem Zustand der vollen Hingabe und Bewegungslosigkeit mehr und mehr ein Knoten in mir gelöst hat und ich seit langem endlich wieder weinen konnte.

 

Nein, die xplore ist wahrlich keine Sexmesse. Sie ist ein Gesamtkunstwerk, eine soziale Plastik, in der Menschen sich ihre Sexualität wiederaneignen und praktisch erforschen können, was ein Körper alles vermag, zu welchen Empfindungen und Regungen er noch und jenseits seiner kapitalistisch-patriarchalen Zurichtung fähig ist. Hier wird eine Mikrokultur geschaffen, die praktisch vorführt, dass in der Tat eine andere Welt möglich ist. Sie macht uns bewusst, wie relativ unsere sozialen Konstruktionen sind, dass alles auch ganz anders sein könnte, und dass dieses Potential zur Veränderung nicht nur von uns selbst abhängt, sondern auch von den Bedingungen, Infrastrukturen und Beziehungen, die uns umgeben und unser Denken, Fühlen und Handeln mithervorbringen. Dies erklärt auch, warum es so schwierig ist, das an der xplore Erlebte im Alltag weiter zu üben. Es braucht diese Räume, diese sozialen Laboratorien, zumindest so lange, bis wir es geschafft haben, eine andere Kultur, eine andere Gesellschaft aufzubauen, die nicht der stumpfen Logik des Marktes folgt. Eine Kultur der Befähigung, deren höchstes Ziel es ist, mehr Leben, mehr Potential, mehr Tiefe, mehr Liebe, mehr Differenz, mehr Verbindungen, Ausdrucks- und Erfahrungsmöglichkeiten hervorzubringen und zu verwirklichen. Und zwar für Alle und nicht nur für die Wenigen und Privilegierten, zu denen wir, die wir an der Xplore sein durften, gewiss zählen.

Kontakt: sebastian.dieterich@gmx.de

website xplore Berlin 2017

Next xplore Berlin, July, 27- 29, 2018. More: xplore Festivals International

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xplore 2017 report
By Clem, from Utopsy

I spotted xplore several years ago, when I learnt about Annie Sprinkle, Candida Royalle and sex positivism in general. It however took me all these years to finally join the xplore for the first time on 14th-17th of July 2017, which I find strange now: the creative sexuality, art, ritual, BDSM, and openness claimed by Xplore is all I like.

Nevertheless, I have been reluctant to jump the gap until the last “book” clic and beyond. Mostly by fear of being emotionally and sexually confronted to unknown people; partly because I would have to come all the way from France; and partly because with all the yoga/tantra related workshops and the high price of the tickets, I was expecting the participants to be rich bourgeois playing the orgiastic hippies out of boredom. It is not exactly what I found at xplore.

For the first day, I decided to take it easy, choosing workshops that seemed not to require too much personal involvement. This plan started well with Bettina Semmer’s workshop called “Touch and Sound: Social Sculpture”: made of exercises about nonverbal communication, this was a light, playful good start in the festival. The flaw in the easy-lazy plan came with Dr. Nathalie Blanc’s lecture, “being violently ill”. I thought taking a lecture was a rather passive activity. But that was before hearing how Dr. Blanc used to love playing with pain and BDSM until autoimmune diseases brought her an unwanted 24/7 pain. And how this changed for good her view on pain, connection to others, pleasure of any kind, life and death. The first of many intense moments to come during the festival.

Those moments came one after the other and often unexpectedly. “Liquid Charm” by Gustavo Frigerio, a workshop creating bonds between people. Body-to-body communication, play fight, stare at each other’s eyes … Intense emotions. But why creating bonds with only one partner at a time when you can do so with many? “Anchor”, by Jana Sarah-Aleihsa and Philipp Terhorst, partners in life, answers this question. This workshop offered a way to deal with insecurities arising when one’s partner experience the freedom of an open relationship: partners are either the “anchor” or the “swimmer” (and switch).

The anchor brings the safety and the warmth to the relationship, while the swimmer explores the ocean of open relationship possibilities. If the anchor is heavy, it limits the swimmer’s exploration and the relationship suffers, but if the anchor is light, the swimmer is free, which does not change the solid bond with the anchor. This seems like a basic concept when one dives into open relationships, but there is a huge difference between thinking it and practicing it, which is where the workshop succeeded. Definitely, this must be useful taking as a couple to guide them through the hard path to open relationships.

To get the best proof that it works, one can just watch how light-hearted, empowered and happy Jana Sarah-Aleihsa and Philipp Terhorst look together. Nevertheless, the anchor/swimmer scheme seems to suit well a situation where there is a “primary” relationship, the “home” where the anchor is, but what about people who do not want to put priorities and prefer as many anchors as there are fishes in the ocean?

Would not just accepting the slut in oneself be enough to reduce the need for external validation and thus, any problem of jealousy? “Such a slut”, brought here some insights. This was led by Rosie Enorah Heart, a wonderful sex positive figure. Her introduction to the workshop still echoes in my mind: “Don’t be ashamed of the slut you are, whatever that might be, (…) including being on your own.” Yes. No shame no matter what. Here we are, sex positivism.

So, sorry but no, Dr. Banki, sex positivism has nothing to do with the peer pressuring (on women especially) for always more sex, more often, more kink, as he mentioned during his lecture “The sex-positive movement in the context of neo-liberalism”. Sex positivism is about removing any shame from one’s sexual life, might it be asexuality. A slut is not someone horny 24/7. The idea that one should do all possible kink in order to be free/cool has been brought by women magazines, media in general and pop culture as a deformed version of sex positivism, with its climax being reached with “Fifty shades of grey”.

The same way as punk died the minute it was used by major record labels and described as a “movement” in the pop culture. But sex positivism is not dead; Xplore and Rosie Enorah Heart prove it. Another point raised by Rosie is that a slut is genderless. Traditional gender roles prevent men and women to be sluts, which from time to time seems a hopeless fight to me. But I was pretty amazed to see, in general, how far the participants of Xplore were from those roles.

These were few among other workshops I could not attend (there were several in parallel): foot torture, naked acroyoga, hippohypnosis (!), goddess rituals… But besides workshops, what make Xplore unique are its play spaces. There is a role play space with a different theme every year. This year was “Monsters and Demons”, and the Jungle, a dark, mazy and gloomy play space, was filled with those. One could choose to be a monster, a plant, an adventurer, a poor victim… A spider grabbing unfortunate passersby and wrapping them up in cellophane.

A dark figure wandering while shaking bones and performing ritual songs. A cute red hood with messed up hair coming back from a corner, escorted by a Bacchus faithful to ancient representations. Those were the kind of things you could witness in the Jungle. For my part, I was a British police officer bringing a tied up punk (a fellow participant) to give his worthless soul to the creatures in exchange for my eternal life. I quickly gave the scum to the monsters and focused on a cat, first wild, but soon tame. I passed by a woman figure staring at me with magical eyes. Mesmerized, I looked away for a second, and when I looked back, she was gone. I wondered for a while if she was real, until I saw her in the festival the next day.

Last but not least, another playground was the silent space, located in what looked like an abandoned factory. Not exactly silent, but wordless, with Andy Benz, Anna Clementi and Jürgen Grözinger playing an incredibly hypnotic music. I stepped in, sat and watched people having sex, whipping each other, or a woman literally tearing a man apart while both performing a very gracious dance. And then it came. I entered a trance-like state of consciousness, a mix of happiness, dizziness and warmth. At that precise moment, I understood precisely why some cults thought they could connect with their gods with this kind of event.

Now the festival is finished. My body aches all over. Every participant has to go back to the “real life”. The bubble with its safe space has exploded. It is now our own responsibility to create a safe and sex-positive environment in the real world, not only for ourselves, but also for others. At least until next year…

Clem, from Utopsy https://soundcloud.com/user-573696217

original Page: http://www.berlin007.de/18juli/xplore/clem.htm

 

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